Die Frühzeit

Früh verdiente ich mein Geld dadurch, dass ich Nachhilfe gab. Etwa 20 Stunden pro Woche. Vor allem in Mathe und Physik. Da diese Fächer für mich kinderleicht waren, war es für mich nicht nachvollziehbar, dass da jemand eine fünf oder sechs bekam. Irgendwie musste deren Lehrer das ziemlich unverständlich erklärt haben. Meine Aufgabe war deshalb ganz einfach: Ich musste es nur anders erklären, so dass meine Nachhilfeschüler das verstanden. Und nahezu immer gelang es, dass meine Nachhilfeschüler deutlich besser wurden, oft sogar am Ende auch bei eins oder zwei lagen.

Ich entwickelte damals folgende Grundhaltung: Der Schüler hat immer das Potenzial für eine Eins. Schafft er diese nicht, muss man es ihm nur anders nahe bringen; an seiner Lebens- und Gedankenwelt anknüpfen. Und so war meine Aufgabe, diese Lebens- und Gedankenwelt zu verstehen und entsprechend kreativ zu sein, den Inhalt daran anzudocken. Und in der Steigerung dessen, den Schüler dazu zu befähigen, in Zukunft selbst neue Inhalte an seine Lebenswelt anzudocken. Das gelang, machte mir Spaß und ich trainierte das die nächsten Jahre vielleicht zusammen 4.000 Stunden.

Der Neustart

Nach der Insolvenz meines ersten Unternehmens und meiner daraus entstandenen Pleite im Mai 2003 begann ich wie der Irre zu lernen. 100-150 Bücher und 5-10 Seminare pro Jahr. Ich nahm einen Coach und ich sprach mit allen Unternehmern, die mir über den Weg liefen. Ich nahm mein eigenes Unternehmersein ganz anders wahr und wurde dort besser und besser. Und im Herbst 2004 wurde ich plötzlich gefragt, ob ich einer Unternehmerin, die kurz vor der Pleite stand, nicht helfen könne. Und so coachte ich sie – ohne jede Coachingausbildung. Ich hatte das Gefühl, auch so zu wissen, was sie wann braucht. Das lief ziemlich gut und ihr Unternehmen (auch wenn sie selbst nicht mehr dort arbeitet) existiert noch heute.

Kurz darauf kam ein weiterer Unternehmer und ich konnte ihm auch helfen. Und dann kamen immer mehr. Und so machte ich nebenbei eine NLP-Ausbildung. Das war zwar irgendwie hilfreich, aber die Kompetenzen kamen durch mein eigenes Unternehmersein und die Praxis in meiner Jugend. Heute rückblickend muss ich sagen: Das Wesentliche ist nie die Coachausbildung, sondern die Grundhaltung des Coaches. Ab Mitte 2007 übernahm ich hauptberuflich die Coach-Rolle.

Wobei Coach nicht ganz richtig ist: Es gibt ein Kontinuum. Auf der einen Seite ist der klassische Coach. Ganz überspitzt gesagt hat dieser nicht die geringste Ahnung vom Problem des Kunden. Aber er kennt einen Prozess, mit dem der Kunde sein Problem selbst lösen kann. Auf der anderen Seite ist der Trainer. Er war selbst jahre- oder gar jahrzehntelang in der Profession aktiv tätig. Und gibt nun sein Wissen, seine Einstellung und Haltung und seine Methoden an den Kunden weiter. Und dann gibt es in der Mitte dieses Kontinuums, mehr auf der Trainerseite den Mentor. Er war selbst in der Profession aktiv. Er kann aber an den Stellen, an denen es erforderlich ist, auch coachen. Meine Rolle – und die der anderen Mitstreiter bei Unternehmercoach – ist die des Mentors.

Der Wechsel

Bereits vor der Gründung von Unternehmercoach war klar, dass ich Einzelcoaching nur für eine befristete Zeit machen würde. Der Hebel in Bezug auf die Wirksamkeit war zu gering. Und ich würde mich in Fachkraftaufgaben auffressen. Deshalb beendete ich meine Tätigkeit als Coach zum Ende 2009. Seit 2010 übernehme ich meine Mentorenrolle nur noch im Rahmen von Seminaren, Braintrusts und Büchern.

Das steigerte die Anforderungen nochmals gewaltig. Mein Anspruch ist nämlich nicht, Wissen zu vermitteln. Das ist albern. Wissen gibt es überall. Mein Anspruch ist zu verändern. Mein Anspruch ist auch nicht, dass Leute begeistert aus meinen Seminaren raus gehen. Mein Anspruch ist, dass sich nach einem Seminar oder Braintrust (oder Buch) etwas bewegt und zwar dauerhaft!

Ich kenne die Seminarszene recht gut – ich habe ja selbst Dutzende als Teilnehmer besucht. Die meisten Referenten schauen nur auf die Bewertungen hinterher. Das interessiert mich nur marginal. Mich interessiert, was nach einem halben Jahr oder Jahr wirklich passiert ist. Die meisten Referenten sagen, dass das ja nicht in ihrer Verantwortung läge. Das sehe ich anders! Es ist mein verdammter Job, das Seminar so aufzubauen, dass man als Teilnehmer hinterher gar nicht mehr anders kann, als sich zu verändern. Das klappt ziemlich gut 🙂

Heute

Heute bin ich etwa 50 Tage pro Jahr in Seminaren, Braintrusts und Unternehmertraining in meiner Mentorenrolle tätig. In dieser Rolle habe ich viele tausend Unternehmer zu Veränderungen in ihrem Unternehmen geführt. Im Lauf der Jahre konnte ich dabei immer mehr auf den Grundlagen meiner Jugend aufbauen. Und durch die Erfahrungen seit 2004 habe ich immer besser gelernt, was bei Unternehmern wirklich funktioniert. Einer der zentralen Punkte ist wirklich Klartext zu reden. Keine Weichmacher. Direkt und offensiv! Und damit schnell. Nicht selten habe ich in Pausengesprächen auf meinen Seminaren nach wenigen Minuten den Punkt gefunden und ich sehe es in den Augen meines Gegenübers, dass dieser Punkt zu grundlegenden Veränderungen führen wird.

Und viele unserer Kunden sind mit ihren Unternehmen wirklich erfolgreich geworden. Manche wurden bester Arbeitgeber Deutschlands oder gewannen Strategie- oder Innovationspreise. Manche wuchsen in wenigen Jahren um den Faktor 10. Und in den meisten Fällen führt der Unternehmer heute ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung und nicht mehr als Sklave seiner eigenen Firma.

Vorbild

Natürlich schauen die Menschen auch auf mein Unternehmen und auf mein Unternehmersein. Das ist gut und wichtig: es treibt mich auch immer wieder nach vorne. Schließlich will ich authentisch sein. Wenn ich die Unternehmercoach GmbH anschaue, so sind wir sicher bezogen auf Strategie, Kundenzufriedenheit, Wachstum, Finanzen usw. besser als 99% aller anderen Unternehmen in dieser Größenordnung. Auch mein eigenes Unternehmerleben ist ziemlich entspannt und entspricht näherungsweise dem, was ich mir vorstelle.

Aber wir sind nicht perfekt. Es gibt viele Kunden, die sind besser geworden als wir selbst. Und das ist auch gut so. Es gibt sicher viele Punkte, die man kritisieren kann. Und auch das ist gut so. Nur so kann ich selbst weiter lernen. Wer aufhört zu lernen, wird scheitern. Ich suche also oft geradezu nach Fehlern, die ich machen kann! Naja, manchmal kommen sie auch von alleine 😉

Natürlich gibt es aber viele Kunden, die sich ein Bild von einem perfekten Stefan Merath erschaffen. Warum auch immer. Und dann kommt der Punkt, an dem sie sich enttäuschen. Einen perfekten Menschen gibt es nicht. Genau genommen ist es so, dass die wirklich erfolgreichen Menschen sich durch ihre Ecken und Kanten auszeichnen.

Es ist nicht mein Ziel, Vorbild zu sein. Wenn Menschen mich zu ihrem Vorbild machen, kann ich damit gut leben. Aber ich werde mich nicht auf irgendeine Weise verhalten, nur weil das dem Bild entspricht, das sich andere von mir machen. Das wäre der Weg in die komplette Fremdbestimmung. Lieber enttäusche ich ein paar hundert oder tausend Menschen.

Was kann also erwartet werden? Dass ich meinen Job als Mentor mache. Und dass ich ihn exzellent mache. Exzellent heißt: es kommt zu grundlegenden Veränderungen.

Was kann nicht erwartet werden? Dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise verhalte. Oder dass ich Nähe über einen bestimmten Punkt hinaus gebe. Ich habe eine Rolle! Diese lautet „Mentor“, gerne nah und offen und direkt. Aber die Rolle lautet nicht „Freund“.