Selbstverantwortung

In der 11. Klasse war ich Klassensprecher. Im Herbst 1980 ging es um die Frage, wo die Klassenfahrt hingehen solle. Die Klasse wollte nach Paris. Der Lehrer ins Fichtelgebirge. Er blockte, bis ich schließlich raus fand, dass er keine Lust hatte, eine Reise ins Ausland zu organisieren. So schlug ich vor, dass ich das organisieren könne, dann hätte er keine Arbeit. Das war für ihn OK. Mit Unterstützung meiner Mutter plante ich alles.

Dann kam ein Elternabend und ich unterrichtete dort die ersten 20 Minuten die Eltern vom Stand der Organisation. Als ich fertig war, ergriff der Lehrer das Wort und teilte mit, dass es einen schulinternen Beschluss gäbe, dass man gar keine Klassenreise ins Ausland machen dürfe. Den Eltern fiel die Kinnlade runter und meine Halsschlagadern schwollen nur ein „klein wenig“ an. Der Lehrer ritt den restlichen Abend auf seinem Beschluss rum und so schien das Ganze gestorben zu sein.

Am nächsten Tag wartete ich bis zur Stunde des Klassenlehrers, dann ging ich nach vorne, um der Klasse von dem Abend zu erzählen. Ich war stinksauer und die anderen Schüler auch. Meinen Bericht schloss ich mit den Worten: „Was auch immer passiert: Ich werde nach Paris fahren.“ Ok, das sagen im Affekt sicher viele 16-Jährige. Danach setzte ich mich. Und der Lehrer bearbeitete mit Schmeicheleien und Drohungen und immer wieder seinem Beschluss die Klasse und kochte sie klein. Natürlich war er rhetorisch besser, hatte die Macht auf seiner Seite und am Schluss erzielte er einen „Kompromiss“: Die Klasse sollte nach Freiburg fahren.

In der Klasse gab es eine kleine Gruppe von 5 Leuten, die „cool“ waren, zu denen ich auch gehörte. In der Pause begeisterte ich sie, dann eben mit einem Auto nach Paris zu fahren. 5 Leute, 1 Auto. Passt. Also waren wir mittags zum Ende der Schule zu fünft. Nachmittags erzählten wir das unseren Freunden. Und die fanden die Aktion des Lehrers auch ein absolutes Unding. Und sie hatten auch Lust, nach Paris zu fahren. Am Abend waren wir zu 16.

Am nächsten Tag bekamen das einige andere aus der Klasse spitz und wollten auch mit. Und so machten wir im Mai 1981 unsere Klassenfahrt nach Paris: 33 Leute, davon 17 aus meiner Klasse (und mehr als nach Freiburg fuhren). Ach ja, natürlich ohne Lehrer! Einer von uns war durchgefallen und deshalb schon 18. Der perfekte – nur ein klein wenig angetrunkene – Reiseleiter 😉 Ich glaube, das war die coolste Reise ever!

Und sie zeigt ziemlich gut, wie ich ticke: Bürokratie und Bürokraten und Leute, die behaupten, zu wissen, was für andere gut sei (z.B. der typische Lehrer), lösen bei mir Ganzkörperherpes aus. Wenn ich ein Ziel habe, dann gibt es (fast) nichts, was mich davon abhält. Auf dem Weg nehme ich andere Menschen mit. Und letztendlich bin ich für die Qualität meines Lebens selbstverantwortlich.

Selbstverantwortung ist deshalb sicher mein zentralster Wert. Und heute verstehe ich diesen noch viel radikaler als damals: Ich bin nicht nur für mein Leben selbstverantwortlich, sondern auch für die Gedanken und vor allem Gefühle, die ich habe. Wenn ich über etwas traurig bin, dann ist es nicht das externe Ereignis, sondern meine Bewertung dieses Ereignisses, die zur Trauer führt. Und diese Bewertung liegt in meiner Selbstverantwortung. Damit erübrigt sich jede Diskussion über die Schuld der anderen, Neid und ähnliche Gefühle.

Das heißt übrigens nicht, dass ich mich immer gut fühlen muss. Eine gesunde Wut war notwendig, um nach Paris zu kommen. Aber dafür war nicht der Lehrer verantwortlich – andere waren ja nicht so wütend. Es war meine Bewertung seines Handelns. Und deshalb war es meine Wut und nicht seine. Auch Neid und ähnliche Gefühle tauchen natürlich auf – hat jeder. Aber ich empfinde das als einen wichtigen Hinweis, an meinem Mindset was zu ändern. Und zwar schnell!

Fokus

Die ersten Monate nach meiner Insolvenz im Mai 2003 verdiente mein zweites Unternehmen kein Geld und ich selbst demzufolge auch nicht. Dafür hatte ich sechsstellig Schulden. Obwohl ich gekonnt hätte, weigerte ich mich aus Prinzip, Sozialhilfe zu beantragen. Warum? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass das das eigene Mindset verändert: Man beginnt andere für sein Wohlergehen verantwortlich zu machen und man beraubt sich der Energie, die entsteht, wenn man bis zu einem Zeitpunkt X seinen Lebensunterhalt selbst verdienen muss. Mein zentraler Wert ist, wie oben beschrieben: Selbstverantwortung. Und so ist es konsequent, mich auch in Situationen, in denen es nicht so leicht fällt, danach zu verhalten. Und diese Konsequenz erwarte ich auch von anderen Menschen in meinem Umfeld.

Diese Konsequenz und der Fokus sind ein zentraler Schlüssel für den Erfolg. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es nach Möglichkeit voll und ganz! Damit eckt man an. Natürlich! Aber wenn ich viele Unternehmer sehe, die mal zwei Monate hier nach dem Schatz graben und dann vier Monate da drüben und dann drei Monate noch ein kleines Loch ausheben, dann weiß ich schon immer im Voraus: Das wird nichts! Das Gold finde ich, wenn ich an einer Stelle tief genug grabe! Ich konzentriere mich immer nur auf ein Unternehmen gleichzeitig. Und dort auf eine einzige Zielgruppe. Am besten auf ein einziges Thema: bei mir die Persönlichkeit des Unternehmers. Nichts sonst!

Ach ja, das hat dann durchaus auch praktische Seiten. Ich werde hin und wieder gefragt, ob man als Unternehmer Coaching auch über Förderprogramme finanzieren lassen kann. Kann man, aber nicht bei uns. Warum? Erstens halte ich diese Förderprogramme für eine Art Stütze für Unternehmer. Sie treiben einen von der Selbstverantwortung weg und sorgen dafür, dass man sich viel mehr mit seinen Geldgebern als mit seinen Kunden beschäftigt. Das ist der Kern des späteren Scheiterns. Zweitens gibt es Untersuchungen, dass dieselben Medikamente viel wirksamer sind, wenn sie deutlich mehr kosten. Warum? Weil es die Ernsthaftigkeit erhöht. Wenn ich für ein Coaching richtig Geld zahlen muss, dann erwarte ich auch richtig etwas davon. Und der Coach will dann auch entsprechend liefern. Selbst zahlen erhöht die Qualität!

Damit verliere ich potenzielle Kunden, aber genau darin zeigt sich Konsequenz und Fokus: Wenn man sich auch dann an seine Prinzipien hält, wenn man erstmal Nachteile davon hat.
Ach ja, noch ein Hinweis für werdende Unternehmer: Mal zur Probe während der Festanstellung selbständig werden, fühlt sich zwar kurzfristig gut an, funktioniert aber nicht! Man lernt eine Haltung der Inkonsequenz und Sicherheitsorientierung. Und diese Haltung wird sich früher oder später rächen.

Sinn

Egal, was ich mache: es muss für mich Sinn ergeben. Macht es das nicht mehr, breche ich ab und verändere meine Situation. Egal was es kostet.

Es war seit meinem 3. Lebensjahr klar, dass ich Naturwissenschaftler würde. Ich begann Informatik zu studieren und war bei den 5% der Besten. Aber als ich mich mit meinen Möglichkeiten beschäftigte, stellte ich fest, dass damals 80% der Informatikforschung aus der Rüstungsindustrie kamen. Und dass Computer in der Wirtschaft für Rechnungswesen eingesetzt wurde. Das erste wollte ich nicht und das zweite interessierte mich nicht. Mein Sinn kam mir abhanden. Eigentlich wollte ich nämlich die Welt verändern. Aus diesem Grund brach ich mein Studium ab und begann mit dem Studium der Philosophie, wovon ich keine Ahnung hatte. Sinn ist wichtiger als mögliches Risiko. Und, ach übrigens: Sinn wird konstruiert. Von jedem selbst. Hätte ich damals das Potenzial des MacIntosh gesehen, wäre ich nach Cupertino gegangen. Natürlich ohne das Studium abzuschließen.

Viele Jahre später hielten mich viele für verrückt, dass ich nachdem ich es mit meiner zweiten Firma geschafft hatte, mit Unternehmercoach wieder von vorne anfangen wollte. Aber Software war für mich leer und sinnlos geworden. Ich brannte dafür, Unternehmer in ihrem Unternehmersein zu unterstützen.

Manch einer könnte sagen, dass das einfach ist, wenn man finanziell abgesichert ist und keine Verantwortung für eine Familie zu tragen hat. Aber darum geht es nicht. Es ist eine Grundhaltung! Wenn etwas sinnlos geworden ist, dann sollte man abbrechen. Egal, was der Preis ist. Immer! Denn der Preis des Weitermachens ist ein verschenktes Leben im Dunkelgrau.

Persönliche Weiterentwicklung

An meiner Weiterentwicklung arbeite ich, seit ich mit 1981 Tagebuch geschrieben habe. Mein Philosophie-Studium (mit Nebenfach Psychologie) ging ebenfalls in diese Richtung. Und ich setzte mit – durch Sinnsuche und Konsequenz – immer wieder neuen Situationen aus, die mich zur Weiterentwicklung zwangen.

Aber die wirklich systematische Arbeit an mir selbst begann im Jahr 2003 nach meiner Insolvenz. Mir war klar, dass ich selbst die Insolvenz verursacht hatte – ich war als Unternehmer und vielleicht als Mensch noch nicht reif genug für diese Herausforderung. Da ich weiter Unternehmer sein wollte UND dies niemals wieder erleben wollte, MUSSTE ich mich entwickeln. Ich las, ich besuchte Seminare, lies mich coachen, sprach mit Experten.

Bis ich schließlich an einen Punkt kam, wo dieses persönliche Wachstum zum Lebensstil wurde. Im Lauf der letzten 15 Jahre habe ich mehr als eine halbe Mio. für meine Weiterentwicklung ausgegeben. Manch einer mag sagen: Kann der ja locker machen, wenn er Geld hat. Falsch! Ich habe das Geld (und den Lebensstil, den ich mir wünsche), weil ich Geld in mich investiert habe, als ich es nicht hatte. Nach der Insolvenz hatte ich deutlich Schulden und mein neues Unternehmen hatte anfangs keine Kunden. Und ich ging trotzdem zu Seminaren. Weil die Alternative mich nicht aus meiner Situation heraus geführt hätte.

Community

Vieles macht mit anderen Menschen mehr Spaß! Jetzt kann man sich irgendwo anschließen. Zum Beispiel einem Fußball-Verein oder man lässt sich anstellen. Habe ich auch hin und wieder gemacht. Das war aber nie meins! Spannender war, Menschen um mich zu sammeln. Ob das für die Paris-Reise war oder meine selbst gezimmerte Bar zuhause, meine Firmen oder was auch immer: Bei den wirklich wichtigen Dingen war ich immer derjenige, der die Community initiierte.

Abenteuer und Freiheit

Um 1981 rum sah ich einen Film von Rüdiger Nehberg. Er war von Flensburg nach Oberstdorf gelaufen. Über 1000km, ohne Schlafsack, ohne Geld, ohne zu betteln oder zu stehlen. Nur mit dem, was ihm die Natur gab. Fand ich mega! Wollte ich auch! Aber ich war realistisch genug, dass ich die 1000km nicht so einfach schaffen würde. Und so machte ich mich in den Pfingstferien auf den Weg, 220km von Ludwigsburg bis zum Bodensee zu laufen. Selbe Bedingungen! Dauerte knapp 4 Tage. Und es war arschkalt in der Nacht. Deshalb schlief ich eben tagsüber und lief nachts. Fühlte sich super an!

Einige Zeit später machten wir zu zweit eine Wintertour von Freudenstadt zum Feldberg. Mit Schlafsack ohne Zelt, halber Meter Schnee und Schneesturm. Direkt nach dem Abi trampte ich durch Nordafrika usw. Aus diesem Grund fragte ich mich irgendwann natürlich, wie ich diese Abenteuerlust mit meiner Arbeit kombinieren könnte. Heraus kamen der Grand Canyon und das Mount Everest Projekt. Ich halte einen solchen Aufbruch ins Ungewisse immer wieder für notwendig. Egal ob privat oder im Unternehmen. Das ist das Salz im Leben und fordert einen immer wieder heraus.

Der Alltag

Wie ich meinen Alltag verbringe? Ich habe eine Partnerin, die ich sehr schätze und liebe. Und wir verreisen viel gemeinsam, erleben Neues zusammen und tauschen uns aus.

Daneben ist der Tag eher strukturiert. Ich lese viel, meditiere nach Möglichkeit täglich, habe einen Personal Trainer und einen privaten Kung-Fu-Lehrer. Ich ernähre mich meist sehr gesund. Ich tausche mich mit einigen wenigen, dafür sehr guten Freunden aus, schreibe Tagebuch. Im Wesentlichen sehr diszipliniert und auf meine Entwicklung fokussiert.